September, 2016 /

Pathologisches Glücksspiel: Zockerlogik

Während meiner Tätigkeit als Croupier haben mir einige Spieler freimütig gestanden: „Wir sind alle bekloppt“. Und dass alles, was sie sich zu Hause im Vorfeld vorgenommen hatten (vorsichtig spielen, rechtzeitig aufhören, auch einen kleinen Gewinn mitnehmen, nur eine Stunde bleiben) beim Gedudel und Blinken der Automaten, beim Rollen der Roulette-Kugel vergessen ist.

Natürlich sind die rationalen Fakten des Glücksspiels allen bekannt. Und die Spielregeln, Auszahlungsquoten und Wahrscheinlichkeiten ändern sich auch nicht. Die Chance zu gewinnen ist für alle Spielerinnen und Spieler gleich gut oder schlecht. So weit, so gut.

Nun ist es auf Dauer aber für SpielerInnen eine beunruhigende Vorstellung, dem Zufall völlig ausgeliefert zu sein. Denn der Mensch möchte seine Umwelt verstehen und in gewissem Ausmaß auch kontrollieren können. Um Vorhersagen treffen zu können, um sich sicher zu fühlen. Was im normalen Alltag meistens gut funktioniert, ist in Bezug auf Glücksspiel jedoch fatal. So beginnen viele Spielerinnen und Spieler früher oder später Zusammenhänge zu suchen und sind schließlich sogar davon überzeugt, sie entdeckt zu haben. Die Folge ist irrationales, verzerrtes Denken. Dazu gehört zum Beispiel:

Gamblers fallacy. Darunter versteht man die statistisch falsche Vorhersage des nächsten Spielausgangs anhand der vorherigen Spiele. Auch nach zehn roten Zahlen muss noch lange keine schwarze kommen. Die Roulettekugel hat weder Augen noch Ohren, geschweige denn ein Gedächtnis. Dennoch schreiben Systemspieler seitenweise Zahlen mit und versuchen anhand ihrer komplexen Tabellen Vorhersagen zu treffen. Dass die „Erfolge“ der Bemühungen nicht überzufällig gut ausfallen, wird dahingehend interpretiert, dass das System noch nicht ganz ausgereift ist.

Ebenfalls gut untersucht ist der near-miss Effekt. Ein solcher „beinahe-Gewinn“ verleitet Spieler vermehrt zum Weiterspielen, da der Spieler tatsächlich überzeugt ist, ganz nah am nächsten Gewinn zu sein.

Spielautomaten werden mit zunehmender Spieldauer und -intensität personalisiert. Man kann beobachten, wie sie zum Interaktionspartner und/oder Gegner werden. Ihnen wird gut zugeredet, sie werden gestreichelt oder beschimpft.

Auch der Aberglaube treibt so manche Blüte. Viele Spieler tragen jahrelang das gleiche Sakko, weil es angeblich Glück bringt. Manche spielen immer am gleichen Tisch oder nur bei bestimmten Croupiers, haben ihre „Glückszahl“, orientieren sich an Mondphasen oder werfen vor dem Setzen erst noch eine Münze. Ich kenne außerdem einen Spieler, der davon überzeugt ist, den Lauf der Kugel durch konzentrierte Atmung beeinflussen zu können.

Die Anhänger von Verschwörungstheorien ziehen wiederum nach ausgiebigen Beobachtungen des Spielgeschehens sehr „spezielle“ Schlüsse. Da sie nicht nachvollziehen können, weshalb nur sie immer verlieren, wittern sie überall Manipulation. Sie vermuten Absprachen zwischen Angestellten und Spielern, Magneten in den Kugeln, Sensoren unter dem Tisch, Eingriffe in Spielabläufe durch die mittlerweile übliche Kameraüberwachung und vieles mehr…

Der Ausstieg aus dem süchtigen Spielen wird natürlich durch diese starke gedankliche Eingenommenheit erschwert. Wer jahrelang den Ehrgeiz hatte, das System oder den Zufall austricksen zu wollen, wird diese Versuche nur zögernd aufgeben. Ebenso die Hoffnung, das verlorene Geld irgendwie zurück gewinnen zu können. Hier hilft nur die Einsicht, dass der Spieler gegen mathematische Fakten, aber vor allem gegen sich selbst kämpft und damit sich und seinem Umfeld erheblichen Schaden zufügt.

zurück