April, 2016 /

Der lauernde Tiger

 

Ein fester Bestandteil von Suchttherapien ist die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Rückfall sowie die Erarbeitung von individuellen Vorbeugemaßnahmen. Und das aus gutem Grund: auch wer die Therapie „trocken“ durchsteht, ist nicht gefeit vor einem Rückfall. Das Risiko schlichtweg zu ignorieren und darüber nicht einmal nachdenken zu wollen, ist ausgesprochen problematisch. Den lauernden Tiger im Auge zu behalten ist die klügere Strategie. Zumal gerade die ersten 90 Tage nach einer Therapie als kritische Phase gelten.

 

Hilfreich für die Betroffenen ist es zunächst, sich vom konsumierenden Umfeld zu distanzieren und Orte zu meiden, die Suchtdruck hervorrufen könnten. Wer sich schon vor Therapieende einer Selbsthilfegruppe anschließt, kann hier neue Kontakte knüpfen und profitiert vom Erfahrungsschatz der anderen TeilnehmerInnen. Dies erleichtert einen Wiedereinstieg in den Alltag, der ohne das Suchtmittel nun allerdings neu gestaltet werden will.

 

Wichtig ist auch herauszufinden, welche Funktion das Suchtmittel zur Lebensbewältigung ursprünglich hatte. In welcher Stimmungslage es gezielt eingesetzt wurde, um unangenehme Gefühle wie zum Beispiel Langeweile, Angst, Sorgen, Stress, Ärger oder Anspannung zu vermeiden. Um abstinent zu bleiben, ist es daher notwendig, diese Gefühle überhaupt wahrzunehmen. Und dann eben nicht wie gewohntdem ersten Impuls nachzugeben, sondern einen neuen, konstruktiven Umgang zu finden.Es ist diese eine Sekunde, in der die bewusste Entscheidung fällt, jetzt nicht zum Glas oder Gras zu greifen,  zocken oder shoppen zu gehen, exzessiv Essen in sich hinein zu stopfen oder online zu gehen, um stundenlang zu spielen oder zu chatten. Die Macht alter Gewohnheiten sollte man nicht unterschätzen! Es lohnt sich jedoch, neue Verhaltensweisen zu probieren und neue Kompetenzen zu entwickeln. Die persönliche, wohltuende Balance zwischen Aktivitäten und Herausforderungen einerseits und Erholung und Entspannung andererseits zu finden. Sich nicht in Watte zu packen, sich aber auch nicht zu überfordern. Achtsam mit sich umzugehen, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und gut für sich zu sorgen.

 

Auf dem Weg raus aus der Sucht heißt es also Abschied nehmen von vertrautem Verhalten und in manchen Fällen auch von einigen Menschen. Doch wem es gelingt, diese Lücke sinnvoll zu schließen, erlebt den Alltag nicht als ständigen Kampf gegen das Suchtmittel, sondern stärkt wichtige Kompetenzen im Umgang mit sich und der Umwelt. Und erfährt dadurch eine ganz neue Lebensqualität. Eine gute Basis also für eine nachhaltige und vor allem zufriedene Abstinenz.

 

Und demnächst zu diesem Thema: Ein Rückfall bahnt sich an

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